Abstract: Pilze bei den Germanen – Alltag, Ernährung und Ritual Hintergrund: Die kulturhistorische Rolle von Pilzen in den prähistorischen und frühgeschichtlichen Gesellschaften Mitteleuropas bewegt sich in der Forschung häufig im Spannungsfeld zwischen spärlicher Quellenlage und populärwissenschaftlicher Mythenbildung. Während der pharmazeutische und praktische Nutzen bestimmter Funga-Spezies empirisch gut belegt ist, bleibt die Rolle von Pilzen in […]
Hintergrund: Die kulturhistorische Rolle von Pilzen in den prähistorischen und frühgeschichtlichen Gesellschaften Mitteleuropas bewegt sich in der Forschung häufig im Spannungsfeld zwischen spärlicher Quellenlage und populärwissenschaftlicher Mythenbildung. Während der pharmazeutische und praktische Nutzen bestimmter Funga-Spezies empirisch gut belegt ist, bleibt die Rolle von Pilzen in der germanischen Ernährung und rituellen Praxis stark umstritten.
Ziel der Arbeit: Dieser Artikel untersucht den aktuellen Forschungsstand zum Pilzkonsum der germanischen Völker. Er trennt methodisch scharf zwischen archäobotanisch gesichertem Alltagswissen, kulturhistorischen Indizien zur Ernährung und ethnomykologischen Spekulationen über den Einsatz psychoaktiver Substanzen.
Ergebnisse:
Fazit: Das Bild des germanischen Pilzkonsums ist von einem hochgradig pragmatischen Nutzwissen im Alltag geprägt. Ein ritueller oder berauschender Gebrauch lässt sich quellenkritisch nicht verifizieren, hinterließ jedoch tiefe, bis heute nachwirkende Spuren im europäischen Volksglauben und der sprachlichen Tabuisierung.
1. Pilze als Nutz- und Heilmittel
Dass Pilze im frühmittelalterlichen Mitteleuropa praktisch genutzt wurden, gilt als archäobotanisch gesichert. Der bekannteste Beleg ist der Gletschermann „Ötzi“ (ca. 3300 v. Chr.), der zwar deutlich älter als die germanische Epoche ist, aber die Kontinuität mitteleuropäischen Pilzwissens eindrücklich belegt: Ötzi trug zwei Pilzarten bei sich, darunter den Birkenporling (Piptoporus betulinus), vermutlich als Heilmittel gegen Parasitenbefall und Magen-Darm-Beschwerden (Capasso 1998).
Der mit Abstand wichtigste Pilz im germanischen Alltag war der Zunderpilz (Fomes fomentarius). Er diente primär dazu, Feuer zu fangen und über weite Strecken zu transportieren – eine überlebenswichtige Funktion in einer Kultur ohne Streichhölzer. Darüber hinaus schätzte man seine blutstillende und antiseptische Wirkung bei Wunden (Peintner et al. 1998). Das Wissen um solche Nutzpflanzen und -pilze war tief in der Struktur germanischer Clans verwurzelt und wurde oral weitergegeben.
2. Ernährung: Eine eher mykophobe Kultur
Kulturhistoriker stufen die frühen germanischen und keltischen Völker im Vergleich zu slawischen oder asiatischen Kulturen als eher „mykophob“ ein – als pilzmeidend oder zumindest pillzindifferent (Wasson und Wasson 1957). Während im antiken Rom Pilze wie der Kaiserling (Amanita caesarea) als absolute Delikatessen galten und in der Literatur ausführlich gewürdigt wurden, ernährten sich die Germanen primär von Fleisch, Milchprodukten, Getreide und Wildkräutern.
Pilze wurden vermutlich in Notzeiten gesammelt, spielten aber in den ethnographischen Berichten römischer Geschichtsschreiber wie Tacitus („De Germania“, ca. 98 n. Chr.) schlicht keine Rolle. Tacitus schildert die germanische Ernährung detailliert – von Früchten, Wild und geronnener Milch – ohne Pilze auch nur zu erwähnen. Ihr Fehlen in den Quellen ist kein Beweis ihrer Abwesenheit, aber ein deutliches Indiz für ihre untergeordnete Rolle.
3a. Psychoaktive Pilze I: Der Fliegenpilz
Das spannendste und wissenschaftlich umstrittenste Thema ist der rituelle Konsum psychoaktiver Pilze. Beim Fliegenpilz (Amanita muscaria) muss zwischen populären Mythen und belegten Fakten scharf getrennt werden.
Die sogenannte Berserker-Theorie, erstmals 1784 vom schwedischen Professor Samuel Ödman formuliert, behauptet, dass die legendären nordischen Berserker vor der Schlacht Fliegenpilze konsumierten, um in ihren charakteristischen Raserei-Zustand zu verfallen. Diese These hat sich in der Populärkultur hartnäckig gehalten, ist historisch jedoch nicht haltbar. Die altnordischen Sagas erwähnen bei Berserkern Rituale wie Trance, Wolfsfelle und exzessiven Met- und Bierkonsum, aber an keiner Stelle Pilze (Simek 1984). Zudem wirkt das im Fliegenpilz enthaltene Muscimol (das eigentliche Wirkstoffpaar aus Ibotensäure und Muscimol) eher sedierend, desorientierend und übelkeitserregend – denkbar schlechte Voraussetzungen für koordinierten Nahkampf (Michelot und Melendez-Howell 2003).
Wahrscheinlicher ist, dass der Fliegenpilz – wenn überhaupt – im Kontext schamanischer oder visionärer Praktiken eine Rolle spielte. In sibirischen Schamanenkulturen, die strukturelle Parallelen zu germanisch-nordischen Traditionen aufweisen, ist der Fliegenpilz-Konsum ethnographisch gut belegt (Schultes und Hofmann 1979). Direkte Übertragungen auf die Germanen bleiben jedoch Spekulationen.
3b. Psychoaktive Pilze II: Psilocybin-haltige Kahlköpfe
Psilocybin-haltige Pilze, insbesondere Kahlköpfe (Gattung Psilocybe) sowie der Rauschende Kahlkopf (Psilocybe semilanceata), wachsen in weiten Teilen Mittel- und Nordeuropas und wären den Germanen prinzipiell zugänglich gewesen. Archäologische oder schriftliche Belege für ihren rituellen Konsum existieren jedoch nicht.
Am plausibelsten ist die Annahme, dass Seherinnen (altnordisch: Völven) oder Heiler im Verborgenen psychoaktive Substanzen – darunter möglicherweise psilocybinhaltige Pilze – für visionäre Trancen im Rahmen des Seidr nutzten (Price 2002). Seidr war eine Form schamanischen Zauberns, bei dem die Praktizierende in Trance Kontakt zu anderen Welten aufnahm. Dieses Wissen wurde extrem geheim gehalten und wurde durch die Christianisierung radikal verfolgt und dämonisiert. Die negativen Konnotationen, die heute noch in Bezeichnungen wie „Hexenröhrling“, „Satanspilz“ oder „Hexenring“ fortleben, spiegeln diesen Verfolgungsprozess wider. Das Fehlen schriftlicher Belege ist unter diesen Umständen kein Gegenbeweis.
4. Was im Volksglauben überlebte
Dass Pilze den Germanen unheimlich oder heilig waren, zeigt sich im späteren mitteleuropäischen Volksglauben deutlich. Pilze galten als Wesen, die „weder Pflanze noch Tier“ sind, und ihr plötzliches Erscheinen nach Gewittern wurde eng mit den Göttern verknüpft. Der Fliegenpilz soll der Sage nach aus dem Schaum der Pferde Wotans/Odins entstanden sein, der beim wilden Ritt zur Erde tropfte – ein Motiv, das die besondere, zwischen Diesseits und Jenseits stehende Qualität des Pilzes in der germanischen Vorstellungswelt einfängt (Simek 1984).
Quellenregister
Simek, R. (1984). Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart: Kröner.
Capasso, L. (1998). „5300 years ago, the Ice Man used natural laxatives and antibiotics.“ The Lancet, 352(9143), 1864.
Michelot, D. und Melendez-Howell, L.M. (2003). „Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology.“ Mycological Research, 107(2), 131–146.
Peintner, U., Pöder, R. und Pümpel, T. (1998). „The iceman’s fungi.“ Mycological Research, 102(10), 1153–1162.
Price, N.S. (2002). The Viking Way: Religion and War in Late Iron Age Scandinavia. Uppsala: Uppsala University.
Schultes, R.E. und Hofmann, A. (1979). Plants of the Gods: Origins of Hallucinogenic Use. New York: McGraw-Hill.
Tacitus, P.C. (ca. 98 n. Chr.). Germania (De origine et situ Germanorum). [Übers. A.R. Birley, 1999. Oxford: Oxford University Press.]
Wasson, R.G. und Wasson, V.P. (1957). Mushrooms, Russia and History. 2 Bände. New York: Pantheon Books.
Ödman, S. (1784). „Försök at ur Naturens Historia Förklara de nordiska gamla Kämpa-Dädens Berserka-Raseri.“ Kongliga Vetenskaps Academiens Nya Handlingar, 5, 240–247.
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